Anlässlich seines 30-jährigen Priesterjubiläums gab Pater Joshy in einer persönlichen Ansprache einen Einblick in sein Leben als Priester. Dabei sprach er unter anderem darüber, wie dieser Weg begann, mit welchen Herausforderungen er konfrontiert wurde und warum das Priestersein dennoch erfüllend ist. Hier finden Sie die Ansprache im Wortlaut.
Mein Weg zum Priestersein fing mit meiner Mutter an. Sie sah den Priester in mir und flüsterte in mein Ohr: „Du musst ein Priester werden“ — seit ich denken kann. Durch meinen Ministrantendienst, den Kontakt mit meinem Ortpfarrer und den Eintritt meiner drei Schwestern ins Kloster wurde auch mir mein Weg immer klarer. Nach der Pflichtschule — mit 15 Jahren — trat ich in den Orden der Kamillianer ein — ein Orden, für den der Dienst an den Kranken oberste Priorität hat. Das Priesterseminar wurde mir meine neue Heimat. Nach der Priesterweihe am 3. Januar 1996 — mit knapp 26 Jahren — übertrug mir mein Orden die Aufgabe, ein neues Priesterseminar in einem anderen Bundesland in Indien aufzubauen. Neue Sprache, neue Kultur und fremde Menschen.
Wie ein indischer Priester nach Europa kam
Nachdem ich diese Aufgaben erfüllt hatte, vertraute mir mein Orden eine neue Aufgabe an: Den Aufbau eines Reha-Zentrums für HIV/AIDS-infizierte Kinder und deren Familien. Wieder ein fremdes Bundesland. Weil damals AIDS eine stigmatisierende Krankheit war, war das Zentrum in kurzer Zeit überfüllt mit Kindern, deren Eltern und mit Menschen, die von ihren Familien ausgestoßen waren. Dies bedeutete für den Orden eine sehr große finanzielle Belastung. Die Lösung war für uns, dass einige Priester von uns nach Europa kommen, hier arbeiten und mit ihrem Einkommen unsere Projekte in Indien unterstützen. Nach meiner dreieinhalbjährigen Tätigkeit in diesem Zentrum wählte mich mein Orden aus und schickte mich als ersten von uns nach Wien ins Kloster der Kamillianer. Entsprechend des Charismas des Ordens arbeitete ich in Wien und anschließend in Salzburg 12 Jahre lang als Krankenhausseelsorger. Von Salzburg führte mich den Weg nach Passau in Pfarrseelsorge. Nach meiner 5‑jährigen Tätigkeit als Pfarrvikar im Pfarrverband Altenmarkt bin ich als Euer Pfarrer zu Euch gekommen.
Ein Weg mit Höhen und Tiefen
Heute schaue ich auf 30 Jahre im priesterlichen Dienst. 30 Jahre — ein langer Weg als Priester. Es war ein Weg, der geprägt war von der Begleitung Gottes in Höhen und Tiefen, in schönen Zeiten und auch in Krisen. Das Beten, das ich als Kind von der charismatischen Bewegung gelernt habe, das Gottvertrauen, das mir durch meine Familie geschenkt wurde, meine besondere Beziehung zur Hl. Maria — sie bleiben in mir immer noch eine wahre Quelle meines priesterlichen und geistlichen Lebens. In Armut bin ich geboren und aufgewachsen, aber Zuhause war nie eine Armut spürbar in Bezug auf Glauben und Liebe. Ich danke Gott für meinen Glauben — sein Geschenk an mich. In den vergangenen 30 Jahren habe ich nie Zweifel gehabt, dass Gott mich führt. Aber immer wieder habe ich daran gezweifelt, ob dieser Weg, der Weg als Priester, der richtige Weg ist.
Mit 15 Jahren — mit sehr wenig Ahnung von der Welt — bin ich ins Priesterseminar eingetreten. Bis zur Priesterweihe kamen wir nur wenig in Kontakt mit der Außenwelt. Erst nach der Priesterweihe, durch verschiedene Aufgaben, kam es mehr und mehr zu Begegnungen mit allen Menschen. Dann begann die Krise. Der Kampf zwischen dem begeisterten Priester in mir und dem jungen Mann, der sich nach Liebe und Nähe sehnt, blieb jahrelang mein Begleiter. Der Zölibat ist ein harter Verzicht. Es ist nicht einfach, dass man durch diesen harten Verzicht nicht verbittert oder depressiv wird und dass man dadurch seine Freundlichkeit und Menschlichkeit nicht verliert.
„Ich versuche, ein guter Seelsorger für Euch zu sein.”
Priester sein ist sehr anspruchsvoll. Die Ansprüche von Menschen sind unterschiedlich. Für konservative Christen muss du fast ein heiliger Mann sein — einer der an den Vorschriften der Kirche festhält mit wenig Rücksicht auf die Menschen. Sonst bist du zu offen. Für extrem Offene muss du ein Flexibler sein, der alles mitmacht, was gefällt. Sonst bist du zu konservativ. Ich versuche, einen Zwischenweg zu finden, um jedem von euch — so unterschiedlich wie ihr seid — einen Zugang und eine Heimat in unserer Kirche zu ermöglichen. Ich weiß, dass ich nicht jedem jeden Wunsch erfüllen kann. Doch ich versuche, ein guter Seelsorger für Euch zu sein. Als ein Kamillianer ist mein Leitbild, vor allem den Kranken und Leidenden mein Herz und mein Ohr zu schenken. Ich versuche, dem zu folgen, was der Hl. Kamillus — mein Ordensgründer — zu uns gesagt hat: „Legt mehr Herzen in Euere Hände!“
Was bedeutet Heimat?
Während meiner Tätigkeit in HIV/AIDS-Zentrumhabe ich alle möglichen Dienste an den Menschen geleistet: manchmal als Pfleger, mal als Koch, als Gesprächspartner, als Bestatter und als Leichentransporter, weil niemand mit diesen infizierten Menschen etwas zu tun haben wollte. Ich bin froh, dass ich weiterhin ein Teil unserer Projekte für die Armen und Kranken bleiben kann, indem ich sie mit meinem Einkommen unterstütze. Da ich vor langer Zeit meine Heimat verlassen habe, suche ich meine Heimat gerade dort, wo ich tätig bin. Ich bin froh für jede Aufnahme, die Ihr mir schenkt. Jede Aufnahme ist eine Bestätigung „Wir haben Dich gern!“. Da ich mit acht Geschwistern aufgewachsen bin, bin ich ein geselliger Mensch. Wenn meine Haustür zugeht, weiß ich, dass die Einsamkeit auf mich wartet. Dann freue ich mich sehr, wenn jemand mich einlädt, wenn jemand mich besucht, wenn jemand sich Zeit für mich nimmt.
„Ich versuche, Euch das zu geben, was ich habe und was ich von Gott bekommen habe.”
Ich weiß, dass ein Priester spiritueller Profi sein muss, ein empathischer Zuhörer und fähiger Manager zugleich. Ich weiß, dass ein Priester allen alles sein soll. In erster Linie aber bin ich ein Mensch wie jeder andere. Ich versuche, Euch das zu geben, was ich habe und das was ich von Gott bekommen habe: Meinen Glauben, meine Menschlichkeit, meine Zeit, mein Wissen und meine Freundlichkeit. Mit meinen Worten möchte ich Euch helfen in Euren Alltagsproblemen und den Fragen des Lebens. Ich bin froh, wenn das mir gelingt. Erfüllend ist das Pfarrersein für mich dort, wo Menschen wirklich berührt werden; wo wir miteinander das Leben und den Glauben teilen. Das gelingt uns im Pfarrverband Eichendorf zum Großteil. Das macht mich froh. Auch wenn die Kirchen nicht überfüllt sind — Ihr bleibt immer treu. Das macht uns gegenseitig glücklich. Ihr habt mich angenommen. Das lässt mich hier wohlfühlen. Ihr steckt mich an mit Eurem lebendigen Glauben. Dafür bin ich sehr dankbar. Mein 30-jähriges Priesterjubiläum — das feiere ich gerne mit Euch, denn ich fühle mich bei Euch Zuhause. Ich bin dankbar, dass Gott mich zu Euch geführt hat.
Und ich bleibe offen dafür, wohin er mich noch führen will, wo er mich noch braucht. Doch ein paar Jahre möchte ich gerne noch bei Euch bleiben — wenn auch der liebe Gott das will.
Pater Joshy Kanjirathamkunnel MI
