Es ist vermutlich jedem von uns schon passiert. In der alltäglichen Hektik fliegt leicht schon einmal etwas runter und zerbricht. Scherben bringen Glück, heißt es. Naja, zunächst mal sind sie eher ärgerlich und machen Arbeit. Besonders schmerzlich ist es, wenn man mit dem zerbrochenen Gegenstand auch noch wertvolle Erinnerungen verbindet. Die teure Vase, die man zur Hochzeit geschenkt bekommen hat. Der schöne Teller, den die Kinder in der Schule bemalt haben. Sind sie erst einmal zerbrochen, so sind sie meist unwiederbringlich kaputt. Es lässt sich zwar der Versuch unternehmen, die Scherben wieder zu kleben, aber auch dann sind es „bloß“ zusammengeklebte Scherben und eben nicht die Vase oder der Teller, die sie vorher waren.
Brüche im Leben
Mit dem Leben ist es manchmal ähnlich. Alles scheint normal und gut zu sein. Das Leben ist geplant, die Zukunft abgesichert. Und dann…zack! Die unvorhergesehene Krankheit, die verlorene Arbeit, die zerbrochene Beziehung, der unerwartete Verlust eines geliebten Menschen. Plötzlich ist alles kaputt! Die Pläne zerstört, die Träume geplatzt, die Hoffnungen gestorben. Von einem Tag auf den anderen findet man sich vor dem Scherbenhaufen des eigenen Lebens wieder. Und ähnlich wie bei einer zerbrochenen Vase, lassen sich auch solche Brüche nicht einfach wieder rückgängig machen. Die Erfahrung des Leids muss wohl jeder Mensch in seinem Leben machen. In solchen Situationen stellen sich viele Fragen, bei gläubigen Menschen auch an den persönlichen Gottesglauben: „Warum ausgerechnet ich? Womit habe ich das verdient? Warum lässt Gott so großes Leid zu? Warum hilft er nicht?“ Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
Glaubenskrisen im Leid
Die Passionserzählung des Markusevangeliums zeigt uns, dass Jesus kurz vor seinem Tod vor ganz ähnlichen Fragen steht. Im Angesicht des Todes betet er im Garten Gethsemani: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir!“ Doch er bekommt keine Antwort. Der Sohn leidet – und der Vater schweigt. Schließlich, voller Angst und Verzweiflung, ruft Jesus am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus fühlt sich im Leid von Gott allein gelassen. Alle Ziele und Hoffnungen Jesu scheinen in diesem Moment zu zerbrechen. Am Kreuz ist Jesus ein gebrochener Mensch. Ein Mensch, der die Brüche, die Glaubenskrisen und die Scherbenhaufen des Lebens am eigenen Leib erfahren muss.
Ist der Scherbenhaufen das Ende?
Ist das das traurige Ende einer spannenden Geschichte? Alles zerbrochen und für immer kaputt? Das Osterfest verheißt anderes: Gott lässt uns nicht vor den Scherbenhaufen unseres Lebens stehen. Er überlässt uns nicht dem Leid und nicht dem Bösen. Denn Ostern ist die Auferstehung des gebrochenen Menschen. Der Mensch, der am Boden liegt, steht wieder auf, weil Gott alle Brüche, alle Schmerzen und alles Leid letztlich zum Leben wendet. Auferstehung heißt aber nicht, dass Verletzungen rückgängig gemacht werden. Im Gegenteil: Lebensbrüche bleiben wie Narben sichtbar, sie gehören zu unserem Leben dazu. Und sie machen uns zu den Menschen, die wir sind. Vielleicht will der Apostel Thomas auch genau deshalb die Wundmale Jesu berühren, als er dem Auferstandenen begegnet. Denn der Auferstandene lässt sich an seinen Verwundungen erkennen.
Ein neues Kapitel ist angebrochen
Brüche lassen sich nicht planen und meistens auch nicht verhindern oder gar rückgängig machen. Sie gehören zum Leben und machen uns menschlich. Jeder muss selbst seinen Weg finden, um mit ihnen umzugehen. Wer an das Evangelium glaubt, dem geben jedoch oft gerade die Bibeltexte rund um das Osterfest in schwierigen Situationen Trost und Hoffnung. Zwei Botschaften erscheinen mir in diesen Erzählungen ganz zentral:
Erstens: Gott ist da. Auch und gerade im Leid. Er ist auch da, wenn wir ihn vielleicht gerade nicht spüren können, wenn er uns keine Antworten auf unsere Fragen gibt. Weil er die Brüche und Verletzungen des Lebens am eigenen Leib erfahren hat und als gebrochener Mensch am Kreuz gestorben ist.
Und zweitens: Der Scherbenhaufen, egal wie groß er erscheinen mag, ist nicht das Ende unserer Lebensgeschichte. Denn mit dem Ostermorgen bricht ein neues Kapitel an. Ein Kapitel, von dem es in der Offenbarung des Johannes heißt: „Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“ Das ist die Hoffnung von Christinnen und Christen, dass der Tod und das Leid keine Rolle mehr spielen. Weil an Ostern das Leben siegt!
Wir wünschen Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest!
Text: Lukas Salzberger

